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Martin Dechant: „Das Mikrofon verzeiht nichts – aber man kann sich vorbereiten“

Eine gute Vorbereitung ist bei Interviews ein wichtiger Bestandteil.

Martin Dechant, Geschäftsführer von ikp Vorarlberg, bietet gemeinsam mit Raphaela Stefandl, ehemalige Schweiz Korrespondentin des ORF, Medientrainings an. Im Gespräch erklärt er, warum eine gute Vorbereitung essentiell ist und warum selbst erfahrene Führungskräfte vor Interviews nervös werden.

Martin, du bietest seit Jahren Medientrainings an. Wer sitzt dir dabei typischerweise gegenüber?

Martin Dechant: Das ist eine bunte Mischung. Geschäftsführer*innen mittelständischer Unternehmen, Wissenschaftler*innen, die plötzlich für ihre Forschung interviewt werden sollen, Bürgermeister*innen, Vereinsfunktionär*innen – und immer öfter auch Führungskräfte, die ihren ersten großen Medienauftritt vor sich haben und merken, dass Fachkompetenz allein nicht ausreicht. Was sie eint: Sie sind in ihrem Bereich sehr gut. Aber vor einer Kamera oder einem Mikrofon fühlt sich das plötzlich anders an.

Warum ist das so? Fachkompetenz sollte doch eigentlich Sicherheit geben.

Gibt sie auch – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Ein Interview ist kein Fachvortrag. Du hast keine Kontrolle über die Fragen, keine Zeit für lange Erklärungen, und alles, was du sagst, kann aus dem Zusammenhang gerissen werden. Das ist eine völlig andere Kommunikationssituation als ein Meeting oder eine Präsentation. Dazu kommt: Viele denken, ein Interview sei ein Gespräch unter Gleichen. Ist es nicht. Journalist*innen haben ein Ziel – eine Geschichte. Und das muss kein Widerspruch sein, aber man muss es verstehen.

Was sind die häufigsten Fehler, die du in Trainings beobachtest?

Drei fallen mir sofort ein. Erstens: zu viel sagen. Viele füllen Stille mit Worten – und sagen dabei Dinge, die sie eigentlich nicht sagen wollten. Im Interview gilt: Eine klare, kurze Antwort ist fast immer besser als eine ausführliche, die sich verliert.

Zweitens: zu technisch werden. Fachleute neigen dazu, in ihrer eigenen Sprache zu sprechen. Das Publikum folgt dann nicht mehr und die Botschaft geht verloren, egal wie korrekt sie ist.

Und drittens, das ist vielleicht der subtilste Fehler: keine eigene Agenda haben. Wer ins Interview geht und nur auf Fragen reagiert, überlässt die Kontrolle vollständig der anderen Seite. Gute Gesprächspartner*innen wissen vorher, was sie kommunizieren wollen und bringen das auch dann unter, wenn die Frage eigentlich woanders hinzielt.

Gibt es eine Technik, die du besonders häufig empfiehlst?

Die sogenannte Brückentechnik. Das klingt technischer als es ist: Es geht darum, von einer Frage, die mich in eine ungünstige Richtung zieht, zu meiner eigentlichen Kernbotschaft zurückzufinden. Zum Beispiel: „Das ist ein wichtiger Aspekt – was mir in diesem Zusammenhang aber besonders wichtig ist …“ Damit beantworte ich die Frage nicht einfach nicht, aber ich steuere das Gespräch aktiv. Das ist keine Manipulation – das ist Kommunikationskompetenz.

Wie bereitet man sich konkret auf ein Interview vor?

Ich empfehle immer drei Schritte. Erstens: Kernbotschaften definieren – maximal drei Dinge, die am Ende beim Publikum ankommen sollen. Zweitens: die unangenehmen Fragen antizipieren. Was könnte mich in die Enge treiben? Wer das vorher durchdenkt, reagiert im Interview ruhiger. Und drittens: laut üben. Nicht im Kopf, sondern wirklich aussprechen. Am besten mit jemandem, der kritisch zuhört. Was im Kopf logisch klingt, klingt gesprochen oft ganz anders.

Hat sich das durch Social Media verändert? Interviews finden ja längst nicht mehr nur im klassischen Medienkontext statt.

Massiv. Früher gab es einen klaren Kanal: Zeitung, Radio, TV. Heute kann ein schlecht gewähltes Wort in einem LinkedIn-Video viral gehen. Oder ein Statement in einem Podcast landet plötzlich als Clip auf Instagram. Die Halbwertszeit von Aussagen ist gestiegen, der Kontext geht dabei oft verloren. Das bedeutet: Medienkompetenz ist heute nicht mehr nur für den Umgang mit klassischen Journalist*innen relevant – sondern für jeden öffentlichen Auftritt.

Und was ist mit Krisen? Viele Führungskräfte müssen plötzlich in einer Ausnahmesituation kommunizieren.

Das ist die schwierigste Situation. Und gleichzeitig die, in der Vorbereitung am meisten zählt. In einer Krise ist man emotional unter Druck, die Zeit ist knapp, und jedes Wort wird auf die Goldwaage gelegt. Wer dann zum ersten Mal vor einer Kamera steht, hat eine große Herausforderung vor sich. Deshalb sage ich immer: Medientraining ist wie ein Erste-Hilfe-Kurs. Man hofft, ihn nie zu brauchen – aber wenn es so weit ist, ist man froh, ihn gemacht zu haben. 

Letzte Frage: Was ist der eine Satz, den du jedem mitgibst, bevor er oder sie in ein Interview geht?

Wisse, was du sagen willst – bevor du weißt, was gefragt wird.

 

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